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Schweinachtswahnsinn...alle Jahre wieder

„Dieses Jahr keine Geschenkeschlacht“, sagt mein Mann.  Er hat Recht. Schließlich soll es an Weihnachten besinnlich zugehen und nicht der Kommerz steht im Vordergrund!

 „Dieses Jahr keine Geschenkeschlacht“, sagt mein Mann.

 

Er hat Recht. Schließlich soll es an Weihnachten besinnlich zugehen und nicht der Kommerz steht im Vordergrund!

Ich gehe in mein Arbeitszimmer und schaue auf eine der zahllosen Weihnachts to do Listen.

Wichtelgeschenke, Patenkindergeschenke, Nachbarsgeschenke, Lehrergeschenke, Sporttrainergeschenke, Kundengeschenke….

Mein inneres Schwein schläft friedlich auf meinem Sessel im Büro, doch beim Alarm-Wort Geschenke wird es sofort hellwach!

Die Zeit drängt. Im Supermarkt verkaufen sie schließlich schon Spekulatius-Kekse seit Oktober!

Nicht, dass ich nicht schon welche daheim hätte…der Weihnachtsstress erwischt mich jedes Jahr pünktlich mit dem ersten Spekulatiuskeks. Ich öffne meine Schreibtischschublade und gönne mir und meinem inneren Schwein einen Keks zur weihnachtlichen Beruhigung.

Während ich noch einen Shoppingplan bezüglich der Weihnachtslisten schmiede, kommen meine Söhne Ben und Mick in mein Büro gelaufen. Bevor ich mich wehren kann oder was sagen kann, habe ja auch Spekulatius zwischen den Zähnen, drücken die zwei gekonnt an meinem Laptop herum und öffnen mir ihre neu angelegten Amazon-Weihnachtswunschlisten!

Ja nicht eine, es sind im wahrsten Sinne LISTEN!

Die Zeit, in der die zwei süßen Mäuse bei Kinder-Adventsmusik Spielwaren Kataloge geblättert haben und krumme Bildchen ausgeschnitten haben, um sie auf eine schmuddelige Wunschliste zu kleben, ist definitiv vorbei.

Meinem inneren Schwein kullert sentimental ein Tränchen die Schweineschnute herunter und ich füttere es liebevoll mit drei weiteren Spekulatius-Keksen.

 

Die Wunschlisten meiner Söhne sind hypermodern, voll digital, natürlich direkt verlinkt zu allen möglichen Onlineshops mit sauteuren, brandneuen Elektro-Devices. Irgendwie gar nicht weihnachtlich, finde ich. Mein inneres Schwein nickt mir aufmunternd zu. Ein Handy zu Weihnachten? Wirklich Jungs?

Wie wäre es mit einem schönen Brettspiel? Mick rollt mit den Augen und Ben erklärt mir, dass so ein Handy unterm Baum sehr besinnlich sein kann, da man damit ja auch Weihnachtslieder abspielen könnte!

Mein inneres Schwein beginnt augenblicklich „Last Christmas“ zu summen und ich beschließe mich gegen den Online-Wahnsinn, lieber traditionell in der Stadt meine Weihnachtslisten abzuarbeiten.

Drei Glühschwein später und 45 min in der Apple Shop Warteschlange ist mein weihnachtlicher Anflug von „rettet die Innenstädte unterstützt den Einzelhandel“ Einstellung definitiv am Kippen.

Ein sehr, sehr cooler 20 jähriger Apple Mitarbeiter erklärt mir mit lässigem Ton, dass das neuste Model des Apple i-Phone 11 Pro Max mit 512 Gigabyte, in Midnight Green einen besonders schnellen Prozessor hat und mit den fast randlosen Disply, dem triple Kamera System wasserdicht bis 4m und IP 68 zertifiziert ist. Außerdem ist Akkukapazität von 3.969 mAh  zum Vergleichsmodell so viel gechillter. Als ich höre was das blöde Ding kostet, klingen alle meine Weihnachtsglocken und ich muss mein innerliches Schwein am Schwänzchen zurück in den Laden ziehen, schließlich standen wir ja hier nicht umsonst den halben Vormittag in der Warteschlange. Der sehr, sehr junge Apple Verkäufer scheint auch nicht besonders humorvoll zu sein, als ich ihn frage ob man nicht billiger mit einem Apple Ei-mer statt Apple I-phone davonkommen kann.

 

Glücklicherweise stehen aber auf den Wunschlisten meiner Söhne aber nicht nur Telefone. Nein, auch Apple Mac books, Apple Beats oder Apple Air-pods scheinen hoch im Kurs bei den Kiddies zu stehen.

Bei den Air-pods handelt es sich aber leider auch nicht um neue Töpfe wie ich schnell herausfinde!

Ich scheine tatsächlich ein Problemkunde zu sein. Der Verkäufer drängt mich dazu mich endlich zu entscheiden, oder er komme später wieder zu mir. Mein verängstigtes inneres Schwein zupft an meinem Hosenbein und deutet auf die Schlange von Menschen an der Türe, die alle auf meinen sehr, sehr jungen Verkäufer warten. Ich kaufe also.

„Da haben Sie aber echt „Schwein“ gehabt, es ist das letzte I-phone in midnight Green“ ruft mir der lässige Jung-Verkäufer zu als er vom Lager zurückkommt. Immerhin ist das Telefon grün, und erinnert wenigstens im Ansatz an Weihnachten. Der Apple Verkäufer schaut mich mitleidsvoll an, als ich ihn frage ob er mir denn nicht wenigstens die neuen Geräte in ein hübsches weihnachtliches Geschenkpapier einpacken könnte.

 

Statt weihnachtlichem Geschenkpapier, läd mir der sehr, sehr junge Mann einen gratis „Jingle bells“ Klingelton sowie einen Nikolaus-screensaver herunter.

Auf dem Nachhause weg pfeift mein kleines inneres Schwein nun also „Jingle bells“ und ich rechtfertige meinen Konsumkauf mit der Idee des wahren Schenkens.

Soll man nicht das verschenken was den Beschenkten freut? Wenn es andersherum wäre, würden meine Jungs eine Modelleisenbahn und ein Buch über griechische Mythologie unterm Weihnachtsbaum finden.

Als ich an einem wunderschönen traditionellen Spielwarengeschäft vorbeilaufe, beschließe ich die Modelleisenbahn und die Bücher trotzdem zu kaufen.  Außerdem noch einen gigantischen, kuschelig weichen Kuscheltier-Eisbären und vier neue Brettspiele.

Die Harry Potter Collection aus dem Schaufenster wird ebenfalls eingepackt. Die freundliche Verkäuferin aus dem Spielwarenladen erklärt mir außerdem eine hypermoderne, handygesteuerte Kugelbahn. Das wäre der letzte Schrei und somit würde das Handy eine sinnvolle Aufgabe im Kinderzimmer übernehmen. „Schließlich haben ja schon unsere jüngsten Kunden ein Handy! Vor dem Fortschritt können auch wir uns nicht wehren“, sagt die nette Spielwarenfachverkäuferin.

Überhaupt scheinen die vielen Handy App betriebenen Spielzeuge sich sogar in traditionellen Spielwarengeschäften sauwohl zu fühlen. Auch die Autorennbahnen werden heutzutage vom Handy aus gesteuert! Da ich das blöde Handy ja nun sowieso schon habe, macht es durchaus Sinn auch eine Handy-Autorennbahn, sowie eine „smarte“ Kugelbahn im Haus zu haben. Mein inneres Schwein ermutigt mich mir einen Stoß zu geben und argumentiert damit, dass die Jungs dann wenigstens einigermaßen „normal“ und altersgerecht spielen werden.

 

Mein Einkauf im Kinderladen kommt mich am Ende teurer als im Apple Laden. Statt Parkgutschein erhalte ich zwei e-voucher zum Einlösen im hauseigenen online Shop. Die Verkäuferin erklärt mir auf diese Weise zu einer autofreien und umweltgerechteren Innenstadt beizutragen.

Mein Schwein und ich verstehen die Welt nicht mehr. Sollten wir nicht die Innenstädte beleben statt online zu shoppen?

Egal wir waren erfolgreich, stolz summen wir also nun zu zweit „Jingle bells“ und freuen uns über die mütterliche Gewieftheit.

 

 

Die Weihnachtsschlacht fand also auch dieses Jahr in vollem Ausmaß statt. Die Kinderaugen leuchteten diesmal wie die nagelneuen LED´s  der ferngesteuerten Drohne meines Mannes! Allerdings nicht bei der Autorennbahn, den Büchern, den Brettspielen, dem Kuscheltier noch bei der Harry Potter Collection und auch nicht bei der „smarten“ Kugelbahn.

Doch glücklich waren am Ende alle.  Die Jungs Dank dem sehr, sehr jungen Apple Verkäufer mit seinem Nikolaus-screensaver und ich, weil meine Jungs am Ende doch mit Autorennbahn und Kugelbahn vor dem Weihnachtsbaum spielten.

Mein Mann übrigens liebt die Bücher über die griechische Mythologie und mein inneres zufriedenes Schwein knabbert immer noch tiefen entspannt am übrig gebliebenen Oktober Spekulatius. In dem Sinne „Jinge Bells“ und fröhliche Weihnachten allen...und bis zum nächsten Schweinachtswahnsinn...

 

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Nieswiatowski Wenzel (Donnerstag, 09 Januar 2020 19:51)

    Sehr unterhaltsam,flüssig geschrieben humorvoll-etwas ironisch.
    Bin gespannt auf den nächsten Schweineessay!