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Schweine sagen immer die Wahrheit

Manche Dinge sollte man sich einfach verkneifen. Zum Beispiel die Wahrheit. Nicht selten hat mich nämlich, die ernüchternt, ehrliche und unverblühmte Art, meines inneren Schweins, in Schwierigkeiten gebracht. Denn mein Schwein sagt, was es denkt und macht was es sagt. Jedes Mal wenn ich merke, dass sich mein inneres Schwein rührt, versuche ich es zu zügeln.  Manchmal gelingt es mir auch...dann denke ich mir im Stillen, was ich alles hätte noch sagen können. Doch ich bin ja souverän und kontrolliere die Botschaft. Zumindest ist es das Mantra, welches ich meinem inneren Schwein vorspreche.

Doch mit der Wahrheit ist es eben nicht ganz so einfach. Als gute Mutter lehre ich meine Söhne immer die Wahrheit zu sagen. Die Wahrheit bewahrheitet sich schliesslich immer, Lügen haben kurze Beine...und so weiter... All diese Sätze kennen meine Jungs nur allzugut.

In Wahrheit aber, ist die Wahrheit ein ziemlicher Übeltäter. Vor allem, wenn es um die Wahrheit und um die Lehrer meiner Kinder geht. Als mein Sohn Mick diesen Nachmittag von der Schule kommt, und seinen Rucksack miesepetrig in die Ecke wirft, ahne ich Schwierigkeiten.

Auf meine Frage, was denn los sei, bekomme ich eine sehr konkrete und präzise Antwort. Er hasse seine "Afrikaans" Lehrerin. Sie ist gemein, und sie kann ihn nicht leiden. Ausserdem schreit sie ihn immer an. Ich tröste Mick und erklähre ihm, dass keine Lehrerin ihn hassen könnte, er sei doch so ein toller Junge. Doch Mick lässt nicht locker. Diese Lehrerin lasse ihn außerdem Dienstags immer nachsitzen und er kommt deshalb immer zu spät zum Fussballtraining. Überhaupt findert Mick,  "Afrikaans" total blöd und unnötig. Niemand spricht schliesslich "Afrikaans", von wo wir her kommen! Wo er Recht hat, hat er Recht, rührt sich mein inneres Schwein. Ich hingegen erkläre Mick, wie wichtig weitere Fremdsprachen für die Synapsenbildung in seinem Hirn seien. Überhaupt, sei Afrikaans eine sehr besondere Sprache, da sie eben nicht von so vielen gesprochen wird. Und so schlimm kann die Lehrerin doch gar nicht sein. Mick schaut mich ungläubig an, nimmt seinen Fussball und rennt unzufrieden in den Garten. Ich beschliesse mit der Lehrerin zu sprechen. Schliesslich nehme ich die Sorgen meiner Kinder ernst. Schweinelogischerweise finde ich ausserdem, dass Mick Recht hat. Das sage ich ihm aber natürlich nicht. Es ist nicht so, dass ich lüge, aber ich verkneife mir eben die Wahrheit. Das müssen gute Mütter eben aus erziehungstaktischen Gründen manchmal so machen...

Am nächsten Tag, fahre ich in die Schule, um der Sache mit der Afrikaans Lehrerin auf den Grund zu gehen.

Leider empfängt mich eine unzufriedene, grimmig schauende und überaus unfreundliche Afrikaans Lehrerin. Mick hatte also Recht! Wer so einen ersten Eindruck macht, hat definitiv ein Problem. Mein armer Mick. Er muss diese Person viermal die Woche ertragen!            Halt nein, so darf ich nicht denken. Zügele dein Schwein, spreche ich innerlich zu mir. Die arme Frau kann schliesslich nichts dafür, dass ihr die Mundwinkel bis zu den Füßen hängen.

Als unser Gespräch beginnt, wird allerdings nach den ersten 60 Sekunden klar, dass wir wohl keine Freunde werden. Die Afrikaans Lehrerin hat klare Vorstellungen und lässt keinerlei Spielraum für Optionen. Mick solle "Afrikaans" ernst nehmen. Er solle sich anstrengen. Er solle Dienstags, statt Fussball, in den Afrikaans Zusatzunterricht kommen. Jeder Vorschlag den ich mache, um die Situation zu entspannen, wird arrogant belächelt und niedergeschmettert.

Ich spüre wie mir heiss wird. Es reicht! Was denkt sich denn diese Person eigenlich? Was unterrichtet sie noch mal? "Afrikaans"? Wer bitte scheert sich um "Afrikaans"? Natürlich ist Fussball für uns wichtiger als "Afrikaans". Schliesslich spielt in Deutschland jeder Fussball und wer bitteschön spricht "Afrikaans" in Deutschland? Außerdem wären andere Fremdsprachen wesentlich sinnvoller! Was ist mit Spanisch, Französisch oder von mir aus mit Mandarin? Mein inneres Schwein nimmt Fahrt auf. Die Wahrheit ist wichtig. Ja, soll die blöde Lehrerin doch endlich erfahren, was sich keiner traut zu sagen. Wir (ich und mein Schwein) sagen es ihr direkt ins Gesicht. Das fühlt sich super an! Die Lehrerin ist sprachlos und schaut mich wie ein Auto an. Schau ruhig!

Nun ja, so ist es eben mit der Wahrheit. Ehrlich gesagt stellt sich mein inneres "High-Gefühl", auf der Rückfahrt im Auto, immer mehr ein. Hätte ich bloß den Mund gehalten. Was, wenn die Lehrerin jetzt noch schrecklicher zu Mick sein wird?  Mein armer Junge...Mein Schwein dagegen, sitzt äußerst zufrieden neben mir. Der haben wir es gezeigt! Nicht mit uns! Die Wahrheit hat also wiedereinmal über die Vernunft gesiegt. 

Als Mick mich am Abend fragt, wie denn das Gespräch lief, erzählt mein Schwein Mick die Wahrheit.  Es sagt ihm, wie Recht er mit seiner Einschätzung hatte, und wie doof "Afrikaans" und die "Afrikaans" Lehrerin ist. Mein Schwein versteht Mick so gut. Schwein ist nämlich auch der Meinung, Fussball sei wichtiger als "Afrikaans" und das mit den Synapsen sei überbewertet. Schwein nimmt Mick in den Arm und die beiden lachen herzlich. Anschliessend schmieden Schwein und Mick noch einen höllischen Plan darüber, wie in Zukunft "Afrikaans" in der Schule sabottiert werden kann...

Das Verhältnis zwischen der "Afrikaans" Lehrerin und mir ist seiddem übrigens nicht das Beste, um es milde auszudrücken.

Allerdings ist das Verhältnis zwischen Mick und mir noch viel besser geworden, als es schon war.

Mick muss die Lehrerin zwar immernoch viermal die Woche aushalten, aber er weiss auch, dass zu Hause sein Schwein wartet.            Mick hat in Schwein nämlich einen Verbündeten, jemanden der ihn versteht und seine Meinung teilt.

Manchmal ist es gar nicht so falsch die Wahrheit zu sagen. Auch wenn sie unpädagogisch ist. Auch wenn sie nicht zielführend ist. Auch wenn sie nicht der einfache Weg ist. Manchmal ist die Schweinelogik einfach die bessere Alternative.